Wen geht’s was an?

Was ist schon dabei,
wenn ich mich mal wieder in Tagträume verliere,
mein Frühstücksbrot mit Streuseln verziere,
ständiges Lachen als Talent interpretiere,
die Erfüllung anders als die meisten definiere,
und plötzlich zum Wohlesser mutiere,
an brotlosen Künsten stagniere,
nur noch den Fantasiepfad entlang spaziere,
mich immer wieder neu frisiere,
am gewünschten Standard frustriere,
und jedes Kompliment von dir genauestens inspiziere,
mich manchmal gar nicht motiviere,
mir dann beim Winter-Joggen trotzdem alle Zehen abfriere,
ich nicht einfach jeden neuen Look kopiere,
und im Konflikt mit Emotionen argumentiere?

Wen geht’s etwas an,
dass ich beim streiten oftmals Rot nur sehe,
manch politische Ansichten nicht verstehe,
gerne mal in Arbeit untergehe,
immer noch den Ex begehre,
und meinen Schuhkonsum dann schnell vermehre,
mich danach nach mehr Gedankenmut verzehre,
und beim Meditieren einen Endlosrausch erlebe,
Feinden auch nach Jahren noch vergebe,
Nächte überhaupt nicht gern allein erlebe,
mich immer zu mehr Kopf-Stille befehle,
den geliebten, selbstverfassten Text allein verlege,
es hasse, wenn ich mich am Telefon verwähle,
oft nicht weiß wohin ich gehe,
und nicht jeder Seele meinen Segen gebe?

Wen juckt es,
wenn ich mein eigenes Geschlecht mal liebe
oder mich für beide interessiere,
neue Kreationen auf meinen Körper tätowiere,
dramatische Tagesgeschichten inszeniere,
und am Ende des Tages, wie so oft, nicht nach Plan funktioniere?

Vielleicht bin ich anders, vielleicht auch nicht. Ich bin nur ich, mehr braucht es nicht.

Wieder einmal…

… liest du wer sich aufrüstet,
wie eine Wahl die ganze Welt entrüstet,
ein Mann die Werte anderer kritisiert,
mit unserer, deren Zukunft spekuliert,
Vorsorge blockiert, Nerven strapaziert,
Geschlechter, Minderheiten, Ausländer
und dann sich selbst blamiert,
… wird demonstriert, für Gerechtigkeit plädiert,
bis es morgen kein’ mehr interessiert,
doch wird still dahinter jeder Schritt ausspioniert,
archiviert, die falsche Sicht ausformuliert,
schlussendlich als brisante Schlagzeile drapiert.
… hörst du mit, wo eine Bombe explodiert,
die Monumente samt ihrer Geschichten ausradiert,
ein Monopol wieder mal nur hohe Zahlen zelebriert,
verdrehte Fakten produziert,
verkaufende Werte korrumpiert, sich dann verkalkuliert,
die eigene Arbeitskraft, Ethik und Moral verliert.
… siehst du wie Menschen fliehen,
sich dem Extremismus entziehen,
Verantwortliche sich ins Exil verziehen,
sich schambefreit weg manövrieren,
Freiheitskämpfer nicht mehr triumphieren,
keine Wahl haben als online zu agieren.
…erlebst du, was alles so im Netz kursiert,
wie der Politiker, Regent oder A-Prominent
sich präsentiert, die Mengen animiert,
was nicht in den Rahmen passt wird retuschiert,
vorgekaut serviert, es reicht – das deprimiert.

Doch was bringt es dir daran zu frustrieren,
wenn du weißt, dass diese Dinge immer schon passieren.
Was hilft es zu klagen, zu verzagen,
andere anzuklagen, am Geschehen gar nicht teilzuhaben.
Viel eher solltest du dich täglich fragen:
Was kann ich tun, um Gutes beizutragen?

Zeit

Kein System funktioniert über Nacht.
Keine Dynastie erreicht prompt ihre Pracht.
Keine Stadt entsteht unbedacht.
Kein Wunder wird schleunigst vollbracht.
Was sie haben ist Zeit.

Kein Mensch wird auf Anhieb gekannt.
Kein Wissen unmittelbar erlangt.
Keine Liebe wird sofort erkannt.
Kein Schmerz binnen Stunden verbannt.
Was sie akzeptieren ist Zeit.

Keine Ameisenkolonie wird schleunigst gebaut.
Kein Geheimnis im Nu anvertraut.
Kein Schiff wird eiligst erbaut.
Kein Verlust auf einmal verdaut.
Was sie brauchen ist Zeit.

Denn welcher Baum trägt im Samen bereits die Frucht?

Der Erinnerungs-Reisebeutel

Liebste Sophie,

ich werde für sehr lange Zeit fortgehen,
ohne einzugestehen, dass du der Grund,
die Motivation, vielleicht auch die Inspiration.

Nun packe ich meinen Reisebeutel
und nehme das Bild von dir
mit dem eingefangenen Lachen,
den grünen Augen, die wachen
über jeden Moment, der war und sein wird.

Ich packe meinen Reisebeutel
und nehme das einzige Bild von dir,
den Brief, der mit dem Parfum,
von dem wir immer Nasekribbeln bekamen.

Ich packe meinen Reisebeutel
und nehme das Bild von dir
den duftenden Brief, den Kompass,
den du so verdächtigtest,
da er mich noch fortbringen würde.

Ich packe meinen Reisebeutel
und nehme das Bild von dir,
den Brief, den hölzernen Kompass,
den Abakus mit den bunten Kugeln,
der die gemeinsamen Stunden zählte.

Ich packe meinen Reisebeutel
und nehme das Bild von dir,
den Brief, den Kompass, den alten Abakus,
und das Notizbuch mit den kindlichen
Zukunfts-Kritzeleien,
den Gedichten und Liebeserklärungen.

Vergebung. Um mehr bitte ich nicht.
Vergib, dass ich reise, aufstand,
leise, davoneilte bevor du was merktest.
Aber du wolltest es so, für mich
war in deiner Welt kein Platz mehr.
Mit jedem Schritt merke ich nun
wie schwer mein Reisebeutel
geworden, voller Sorgen, dass du nicht verstehst,
nicht vergibst, so wie ich dir vergeben.
Im Beutel kaum Platz für anderes.
Und so reise ich nur mit den Erinnerungen.
Auf dass sie mich am Boden halten,
wenn der Wind mich davonzutragen versucht.

Die Oberfläche butterweich,
dass mit jedem Stoß Inhalt entweicht,
warmer Saft raus quirlend, von unten, sanft leckt er die Wunden,
die Erhebungen süß,
frisch aufgeblüht, verführt
zu einem Biss,
vielleicht auch zwei, drei
wird der Kern frei,
hinunter, Schicht für Schicht bis zur Blüte
auf die Härte treffend, den Untergrund,
vollkommen aufgeweicht, ausgereicht,
dass abgewartet bis die Essenz ausgereift.

Er liebte Käsekuchen genau so sehr wie sie.

Wenn zwei sich streiten…

Praktisch, faktisch, beinah mathematisch
das erste Zusammensein abwiegen,
Intuitives komplett beiseite schieben,
Wahrscheinlichkeiten für das Glück ausrechnen,
eine übereilte Verwirrtheit verdächtigen,
dass man zu schnell gehandelt,
zu früh entschieden, zu viel gegeben.
Die Erfolgschancen analysieren, addieren,
und schließlich doch wieder halbieren,
keinen indirekten Rechenweg riskieren,
Gedankenblätter erst mit Jas und Neins befüllen,
ab und an auch ein „Wer weiß“ hin fügen,
Probanden erst vergleichen,
keineswegs von gewohnten Formeln abweichen,
die haben schließlich schon zu manch
erregendes Erlebnis geführt.
Variablen in der Gleichung einfach austauschen.
Was sollte dann schon schief laufen?

So argumentiert der Kopf.

Trotzig, protzig, lodrig zig Dinge gleichzeitig empfinden
bis rationale Entscheidungen verschwinden.
Alles keimt auf einmal auf,
Sinne raubend, quietschend stören sie
den doch so geordneten Neuronenverlauf,
die Wirkung des letzten Treffens irrelevant,
Zukunftstöne bleiben uninteressant,
das Hier und Jetzt alleine zählt,
man hat schon richtig gewählt.
Spontan keinen einzigen Moment verpassen,
auf das Unvernünftige sich vielmals einlassen,
unkontrolliert werden Regungen zu Taten.
Wer braucht da Fakten?

So reagiert das Herz.

Ein Zweikampf fast so alt wie du selbst.
Zwei Pole, die sich abstoßen, nie mit und nicht ohne einander existieren.
Gegenläufig interagieren, irgendwie doch miteinander kommunizieren.
Du wünscht dir eins von ihnen fort.
Und hoffst dir doch sie bringen dich an den einen ganz bestimmten Ort.
Doch erst wenn du gestehst, dass ihr ständiges Zusammenspiel sich als wichtig,
unabdinglich erweist, erweckst du in dir einen echten Liebesbeweis.

Schein(verzicht)

An irgendeinem Tag, in irgendeinem Wald,
der Ost bleibe unbekannt,
flog eine Eule an einem jungen Mann vorbei,
der nach einem letzten Muskelziehen
auf Antworten zu warten schien.
Von einem nahen Baum aus sitzend
wollt die Eule zu gern wissen,
wie seine Frage denn wohl hieße.

Der Mann sah zum Vogel auf und rief atemlos:
„Meine Fragen sind für dich kaum interessant,
denn was versteht schon eine Eule
von täglicher Reue, von Selbsttoleranz,
Körperdiskrepanz und Sozialakzeptanz?
Was kannst du mir auf deine Frage erwidern,
warum der Mensch sich so oft quält,
Kalorien, Schritte, Stunden zählt,
einen Abstinenzpfad wählt, sich zeitlich von Speis
und falschem Tank abwendet,
Gewohntes kurzerhand beendet,
bloß keine Zeit ans Genießen verschwendet,
sich eher Eigenqualen zuwendet,
um kurzzeitig unbefleckt zu sein. Rein und Leer.
Was wüsstest du vom Drang nach einem Ende sich zu sehn‘
um schlussendlich den aber selben Weg zu gehen?“

Die Eule aufmerksam, schüttelt ihren Kopf.
„Du stellst nicht nur die falschen Fragen,
du kannst auch nichts als klagen.
Du und alle andren auch, ihr sprecht von Fasten,
der Passion, einer Selbstmission zu rasten,
sich frei zu machen, bis auf’s Minimal.
Dabei quält ihr euch tatsächlich, beträchtlich,
doch genau das ist nicht das Ziel.
Lös dich nicht von dem, was dich mal schlecht gemacht.
Hab Eigenmacht einen Schritt zurück zu stehen,
den Winkel umzudrehen, abzulassen von dem,
was lieb und teuer ist, Quälen und Erwarten
dabei keine Option, streb viel mehr nach
Selbstaktion. Reflektion.
Und sehn dich nicht sie wieder zu erlangen,
gib dich einfach nur der Furcht hin du könntest sie verlieren.

Aber ja, was weiß die Eule schon vom Mensch?“